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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 © Enno Ahrens Geschichten/Aphorismen/Zitate
greatmum Offline




Beiträge: 7.842

04.05.2007 10:42
RE: © Enno Ahrens - November mit Katrin antworten

November mit Katrin

... überarbeitete Version vom Oktober 2006


Meine Art, die Dinge des Lebens zu betrachten, begann sich an jenem trüben Novembertag grundlegend zu ändern. Ich war damals ein allein stehender Mann von dreiundvierzig Jahren, betrieb eine gut gehende Anwaltskanzlei, hatte gerade eine beträchtliche Erbschaft gemacht, genoss gesellschaftliche Anerkennung und besaß eine Villa mit neun prunkvoll eingerichteten Zimmern, in denen ich hin und wieder, mit großem Arrangement, Cocktailpartys gestaltete, zur vollen Zufriedenheit meiner Gäste.

An jenem kühlen Novembertag also - ich öffnete, wie gewöhnlich, mein Bürofenster zum Lüften und schaute zufällig über den schmalen, gepflasterten Platz davor auf die gegenüber liegenden weißgetünchten Barockbauten - als plötzlich auf einem der Balkons diese junge Frau auftauchte, mit deren Anblick meine innere Wandlung ihren Anfang nahm.

Sie war gerade erst dort eingezogen, zusammen mit ihrer älteren Schwester, wie ich später erfuhr. Ich hörte, wie die ältere Schwester ihren Namen rief. Katrin hieß sie. Stundenlang saß sie manchmal da, der schmale Körper verschluckt von einem zu groß geratenen, alten Mantel, aus dem dies bleiche zierliche Gesicht hervor lugte, von seidigen blonden Haaren umfangen.

Es unterschied sich ganz und gar von diesen eintönigen, mumifizierten Visagen, die einem aus sämtlichen Illustrierten anlächeln, wo jede Falte, die das Leben geschrieben hatte, zugespachtelt war, und deren Kopien einem tagtäglich überall begegnen, die gleichermaßen von der Jet-set-Gesellschaft wie von den einfachen Leuten getragen werden. Auf jeder Cocktailparty hatte ich in diese aufgemotzten Fassaden-Gesichter gesehen. Es erschien mir alles selbstverständlich, und nach der Rückseite dessen, was ich sah, hatte ich nie gefragt.

Hatte ich mir nicht auch einen prachtvollen Kokon gesponnen, eine tolle Fassade geschaffen, und als schillernder Hahn war mir eins sicher - viele Hennen.

Doch da war plötzlich das unverfälschte, offene Antlitz von Katrin und diese ungekannte Tiefe darin, die meine Gefühle und Gedanken verzauberten. Katrin erschien mir als Wesen jenseits der Welt, in der ich zu Hause war mit all den aufgeputzten Gesichtern, die unbedingt gefallen wollten. In ihren aquamarinfarbenen, besänftigenden Augen spiegelte sich mir erstmals die Stille und die Schönheit eines selbstlosen Seins.

Ein schweres Leiden musste sie quälen, ein ferner Schmerz. Aber das milde, gütige Lächeln einer Madonna um ihren feinen Mund verlieh ihr eine seltsame Zufriedenheit, eine innere Harmonie des geschundenen Individuums mit seinem gnadenlosen Kosmos. Und ich spürte, ihr gegenüber war ich nur ein armer, nackter Spatz, der aus dem Nest gefallen war. Ich hatte meine Identität verloren. Die Raupe, die den herrlichen Kokon produziert hatte, war selbst zum Kokon erstarrt. Neun Räume besaß ich und konnte doch zur Zeit nur in einem sein. Mein ganzer Stolz, mein ganzes lächerliches Glück lag im Bewusstsein, noch acht andere Räume zu besitzen.

Obwohl sie beim Laufen das rechte Bein etwas nachzog und sich ab und zu ein Mundwinkel vor Schmerz verzog, erweckte sie nicht den gequälten, mitleiderregenden Eindruck einer Behinderten. Nein, bei ihr erschien alles in gelöster Übereinstimmung; das Leiden schien untrennbar mit ihrem Wesen verbunden, es gab ihr sogar eine besondere Form von Würde.

Durch den düsteren, wolkenverhangenen Himmel drängten sich einige Sonnenstrahlen und beleuchteten, wie Scheinwerfer, punktuell einen Ausschnitt des gepflasterten Platzbodens und zwangen zur Konzentration, zum Nachdenken. Den Farben der Herbstlandschaft haftet nicht das fröhlich Leichte der kunterbunten Blüten des Sommers an - diese Farben signalisierten Vergänglichkeit. Und unwillkürlich fragte ich nach meiner eigenen und nach dem Sinn des Daseins. Auf diese Frage fand ich jedoch bis jetzt keine Antwort. Nur der Selbstmörder glaubt sie zu wissen. Für ihn ist das Leben sinnlos. Doch solange der Begriff "Leben" nicht definiert ist, soll man durch den Tod keine endgültige Befreiung vom Leben erwarten. Die Seele könnte leicht in eine andere Materie schlüpfen, etwa in die eines Huhns in einer Legebatterie.

Eines Nachmittags, ich ging im Waldpark ein paar Schritte, und setzte mich, wie jedes Mal, auf die einzige noch unzerstörte Bank dort. Nach einer Weile stakste eine junge Frau durch den dichten Nebel. Sie zog das rechte Bein etwas nach und ihr Gesicht war ein bisschen vor Schmerz verzogen. Es war Katrin. Sie fragte nur kurz, ob sie sich setzen dürfte. Ich nickte zustimmend. Schweigend saßen wir da. Ab und zu sahen wir uns an. Schaute sie dann wieder geradeaus, merkte ich, dass sie lächelte.

Ohne Absprache trafen wir uns nun jeden weiteren Tag auf der Sitzbank im Wald, saßen still da, horchten in uns hinein und in die schwerblütig anmutende Natur, sahen uns gelegentlich an, und waren glücklich. Unschuldig wie Kinder saßen wir beieinander. Einmal dachte ich daran, sie zu umarmen und sie zu meiner Freundin zu machen, ließ es aber sein, denn es wäre sicher töricht gewesen, und hätte dieses zarte Glück zerstört. Unsere Seelen hatten sich ja längst umschlungen. Und ich erahnte, dass Glück wie ein Schatten ist; es lässt sich nicht einmauern. Vielleicht idealisierte ich Katrins Persönlichkeit auch zu sehr und hatte nun Angst vor der Wahrheit. Sind doch unsere Ideale nur Traumvisionen, Rockzipfel, nach denen wir vergeblich greifen, die uns stets ein Stück vorauseilen.

Drei Tage war ich dann fort auf einer Konferenz. Die Herren bliesen sich auf und die Damen kokettierten; ein jeder rang um die Gunst der anderen. Es war für mich so, als wenn ich ur-uralte Bekannte wieder traf, und einer davon war ich selbst. Aber ich hatte mich verändert, hatte dies Affenstadium überwunden.

Mein bisheriges Leben war jedoch nicht zwecklos gewesen. Es hatte mir Vermögen beschert, womit ich mich nun von dieser Mimikry-Gesellschaft freikaufte.

Die Bank im Waldpark aber blieb neben mir leer. Katrin kam nicht mehr. Tagelang hatte ich vergeblich nach ihr Ausschau gehalten. Dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich suchte ihre Schwester auf. Die sagte, Katrin habe gewusst, dass ich kommen würde und ich sollte die Sache mit dem Leiden erfahren. Ihre Schwester erzählte mir, dass Katrin bei einem Auslandsaufenthalt von einem betrunkenen Autofahrer überfahren worden sei, und sie deswegen ihr Bein etwas nachgezogen habe. Sie hätte viel Blut verloren und habe eine Bluttransfusion bekommen. Doch die Blutkonserven wären mit Aids-Viren infiziert gewesen und nun sei sie schließlich daran gestorben.

Ich verabschiedete mich schweigend aus diesem Haus, die feuchte Luft legte sich schwer auf meine Brust, und ich begab mich mit verhaltenen Schritten zu unserer Bank, wie zu einer Beerdigung, setzte mich und starrte in den grauen Himmel, als könnte ich Katrin dort sehen. Etwas Luftbewegung kam auf und vertrieb den Nebel. An den Ästen der Bäume klammerten sich noch krampfhaft einige Blätter, in den Wipfeln säuselte leicht der Wind, und für einen Moment war mir, als hörte ich sie flüsternd meinen Namen rufen.

* * *

Wer von sich behaupten kann, er sei ohne Fehler - ist selbst einer!



greatmum Offline




Beiträge: 7.842

04.05.2007 10:43
#2 RE: © Enno Ahrens - November mit Katrin antworten

Diese Geschichte geht mir sehr nahe!

Wer von sich behaupten kann, er sei ohne Fehler - ist selbst einer!



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