Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden  
logo
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 828 mal aufgerufen
 Geschichten
greatmum4 Offline




Beiträge: 2.558

25.06.2006 12:10
RE: Knirps auf Abwegen antworten

Knirps auf Abwegen

An einem sonnigen Frühlingstag durfte eine kleine Rasenameise zum ersten Mal das Erdnest verlassen, in dem sie lebte. Sie war nun alt genug, um mitzuhelfen, Futter für ihr Volk zu sammeln. Knirps, so hieß die kleine Ameise, war darauf sehr stolz. Sie wusste, die Futtersammlerinnen wurden von allen sehr geschätzt. Außerdem macht es bestimmt viel mehr Spaß, draußen herumzulaufen, als ständig das Nest zu putzen, überlegte sie. Sie konnte es daher kaum erwarten, bis es losging. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Endlich war die Gruppe vollzählig.
„Bleibt alle dicht zusammen“, verlangte die Anführerin. „Das gilt besonders für dich, Knirps. Denk daran, für eine einzelne Ameise ist es draußen sehr gefährlich.“ Knirps nickte. Na klar, das wusste sie doch schon.
Dann ging es los. In einer Reihe marschierten die braunen Ameisen aus ihrem Erdnest hinaus auf die Wiese. Knirps blickte staunend um sich. Sie liefen durch einen Wald aus grünen Halmen. Diese waren viel höher als sie selbst. Was ist das wohl, grübelte Knirps.
„Das ist doch nur Gras“, erklärte ihr eine Ameise gelangweilt. „Jetzt lauf weiter!“
Doch das war einfacher gesagt, als getan. Ein großer Stein lag auf der Ameisenstraße. Knirps kam er so hoch wie ein Berg vor. Ächzend und stöhnend krabbelte sie über ihn hinweg. Die Anführerin blickte Knirps freundlich an. „Gut gemacht“, lobte sie. Die kleine Ameise strahlte vor Freude und lief glücklich weiter.
Bald hatten sie ihr Ziel erreicht. „Ausschwärmen und Futter suchen!“, befahl die älteste Ameise. „Nur Knirps bleibt bei mir.“ Wie langweilig, ärgerte sich die kleine Ameise. Sie wollte unbedingt allein auf Entdeckungsreise gehen. Daher passte sie einen Moment ab, in dem die Anführerin sie nicht im Blick hatte, drängte sich zwischen einigen Gräsern hindurch und machte sich davon. Geschafft, freute sie sich. Mal gucken, was es hier Spannendes zu entdecken gibt. Bald fiel ihr eine Pflanze auf. Sie hatte längliche Blätter, die an den Rändern ausgezackt waren.
Kennst du diese Pflanze? Ihre Blüten sind leuchtend gelb.
Knirps legte den Kopf in den Nacken, um die hohen Löwenzahn-Blüten anzusehen. Dabei bemerkte sie an manchen Stängeln dicke, weiße Kugeln. Klasse, dachte Knirps. Das ist bestimmt leckere Zuckerwatte. Die hole ich mir. Und schon kletterte sie an einem Stängel nach oben. Das war gar nicht so einfach. Die Pflanze bewegte sich im Wind, und die kleine Ameise musste sich gut festhalten, um nicht herunterzufallen. Als sie oben angekommen war, biss sie hungrig in die Kugel hinein. Doch sofort verzog sie das Gesicht und spuckte das weiße Zeug wieder aus. Igitt, das schmeckt ja scheußlich, meckerte sie. Was ist das bloß? Kannst du es Knirps erklären?
Nee, so was esse ich nicht, beschloss Knirps. Sie wollte gerade wieder herunterklettern, als ein kräftiger Windstoß die Pusteblume traf. Erschrocken hielt sich Knirps fest. Doch schon spürte sie, wie sich die einzelnen Fäden lösten. Sie flogen davon – auch der Faden, an dem Knirps hing. Verzweifelt klammerte sich die kleine Ameise fest. Weit unter sich sah sie die Wiese und einen kurzen Moment lang auch die erwachsenen Ameisen, die nach ihr suchten. Wie gerne wäre sie jetzt bei ihnen gewesen. Doch sie flog und flog, es kam ihr endlos lange vor, bis der Faden wieder zu Boden sank. Zum Glück landete sie auf weichem Gras und tat sich nicht weh. Doch als sie merkte, dass sie quer über die Wiese bis zum Waldrand geflogen war, brach sie in Tränen aus. Ich werde nie wieder zurückfinden, heulte Knirps. „Na, na“, hörte sie da eine leise Stimme flüstern. Knirps hob den Kopf. Vor ihr saß ein kleines Tier auf einem Blatt. Es trug ein Haus auf dem Rücken. „Wer bist du denn?“, fragte Knirps.
“Ich bin eine Schnecke“, erklärte das Tier. „Ich wollte gerade etwas essen, als du vom Himmel fielst.“ Sofort erinnerte sich Knirps wieder an ihr Unglück, und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. „Ich werde meine Familie niemals wieder sehen“, schluchzte sie. „Ach Quatsch“, tröstete die Schnecke. „Du hast doch Beine und kannst zurücklaufen.“ „Das stimmt“, gab die kleine Ameise zu. „Kommst du mit? Allein fürchte ich mich.“
„Das geht nicht“, bedauerte die Schnecke. „Ich kann nur langsam kriechen und würde dich aufhalten. Außerdem habe ich großen Hunger.“ Sie kroch ein kleines Stück zur Seite und begann zu fressen.
Die Schnecke winkte Knirps zum Abschied zu, dann knabberte sie weiter an ihrem Blatt.
Knirps machte sich auf den Weg. Ihr Herz klopfte vor Angst, denn sie erinnerte sich an die Warnung der Anführerin. Doch nichts passierte. Sie kam gut voran, und bald fürchtete sie sich nicht mehr. Ha, dachte sie. Die älteren Ameisen erzählen ständig, es wäre gefährlich, alleine zu gehen. Dabei ist hier überhaupt nichts los. Sicher wollten sie mir nur Angst machen, damit ich brav bei der Gruppe bleibe. Sie war sich so sicher, dass ihr nichts geschehen könnte, dass sie unvorsichtig wurde. Jetzt achtete sie nicht mehr darauf, wohin sie lief, sondern rannte einfach drauflos. Daher sah sie viel zu spät ein dünnes, silbernes Geflecht quer über dem Weg schimmern. Eine Spinne hatte es gebaut. Was war das wohl?
Entsetzt starrte die kleine Ameise das Spinnennetz an. Dann stolperte sie über eine Tannennadel und verlor das Gleichgewicht. Sie fuchtelte wild mit den Armen. Trotzdem fiel sie direkt auf die klebrigen Fäden zu. Jeden Augenblick würde sie darin gefangen sein.
Im letzten Moment griff jemand nach ihrem Arm und riss sie zur Seite. Knirps taumelte, und fiel vor dem klebrigen Netz auf den sicheren Boden. Als sie erleichtert aufsah, stand ein Tier neben ihr, das fast so aussah wie sie selbst. Aber es war nicht braun wie sie, sondern hatte einen roten Körper.
Solch eine Ameise hatte Knirps noch nie gesehen. Sie erschrak so sehr, dass sie aufsprang und beinahe doch noch ins Spinnennetz gefallen wäre. Zum Glück hielt sie das andere Tier fest.
„Was hast du denn?“, fragte es. „Hast du noch nie eine rote Waldameise gesehen? Ich heiße übrigens Trixi.“
Knirps schüttelte den Kopf. „Bist du wirklich eine richtige Ameise?“, zweifelte sie. „Du siehst so anders aus.“
„Ameisen gibt es in vielen Farben“, wusste ihre Retterin. „Braune Rasenameisen wie dich, rote Waldameisen wie mich und auch schwarze oder gelbe.“
„Erstaunlich“, murmelte Knirps. Trotzdem war ihr die rote Ameise nicht geheuer.
„Wohin wolltest du denn so eilig?“, fragte Trixi.
Knirps berichtete ihr Missgeschick. Zu ihrem Ärger hielt sich Trixi den Bauch vor Lachen. „Hihi“, prustete sie. „Ein fliegendes Ameisenmädchen!“
Knirps schmollte, weil Trixi über ihr Unglück lachte. Doch ihr Gekicher war so ansteckend, dass Knirps nicht anders konnte, als mitzulachen. Trixi streckte Halt suchend die Arme nach Knirps aus, und bald hielten sie die beiden unterschiedlichen Ameisen fest umschlungen. Als sie sich wieder beruhigt hatten, waren sie Freundinnen geworden.
Im Wald wurde es allmählich dämmrig. Knirps würde sich beeilen müssen, um vor der Dunkelheit am Erdnest zu sein. Trixi wollte ihre neue Freundin begleiten, und so marschierten sie gemeinsam weiter. Nach Ameisenart trabte Knirps hinter Trixi her. „Eins, zwei, eins, zwei“, murmelte sie, um nicht aus dem Tritt zu kommen. Als die Waldameise plötzlich stoppte, wäre Knirps beinahe mit ihr zusammengestoßen. Neugierig blickte sie ihr über die Schulter - und hielt erschreckt den Atem an. Vor ihnen lag eine riesige Pfütze. Dahinter konnte Knirps die Wiese und ihr Nest erkennen. Doch wie sollte sie diese Pfütze überqueren, die ihr wie ein Meer vorkam? Verzweifelt ließ Knirps den Kopf hängen.
Inzwischen hatte sich Trixi bereits umgesehen und hatte einen Einfall. Ungeduldig winkte sie Knirps zu sich. „So wird es gehen“, behauptete sie. „Das wird dein Rettungsboot.“ „Was hast du vor?“, fragte Knirps misstrauisch.
“Ganz einfach“, erklärte Trixi. Du krabbelst auf die Blüte, ich gebe dir einen Schubs, und schon schwimmst du über das Wasser.“
„Einfach nennst du das?“, nörgelte Knirps. „Wenn ich nun kentere?“
Trixi zuckte die Schultern. „Du musst dich eben festhalten“, meinte sie. „Oder hast du eine bessere Idee?“
Knirps seufzte. Etwas anderes fiel ihr leider auch nicht ein. Sie würde es versuchen müssen.
Traurig umarmte sie Trixi zum Abschied. „Sehe ich dich wieder?“, fragte sie.
“Wenn du willst“, nickte Trixi. „Mein Ameisenhügel ist ganz in der Nähe. Du kannst mich gern besuchen.“ Die Waldameise grinste verschmitzt. „Aber vielleicht wartest du lieber, bis die Pfütze getrocknet ist. Dann kannst du zu Fuß kommen und brauchst weder zu fliegen, noch zu schwimmen.“
Knirps lachte. „Ich überleg mir, ob ich solange warte“, versprach sie. „Obwohl, auf diese Art zu reisen, ist viel aufregender.“
Gemeinsam schoben sie die Blüte ins Wasser, und Knirps kletterte mutig hinauf. Trixi gab dem Ameisenboot einen festen Stoß. Es trieb bis in die Mitte der Pfütze, bevor es langsamer wurde. „Du musst paddeln“, rief Trixi ihrer Freundin vom Ufer zu. Zögernd streckte die kleine Ameise die Hände ins Wasser. Bald hatte sie den Bogen raus, und sie kam sicher am anderen Ufer an. Bis zu ihrem Erdhügel war es jetzt nicht mehr weit. Als sie dort ankam, ging gerade die Sonne unter.
Die anderen Ameisen hatten sich große Sorgen um Knirps gemacht und waren froh, dass sie wieder zurück war. „Wo hast du gesteckt?“, wollte die Anführerin wissen. „Wir haben die ganze Wiese nach dir abgesucht.“
„Das ist eine lange Geschichte“, schmunzelte Knirps und begann zu erzählen.

© Anke Schiermeyer by kindergeschichtenseite.de

 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de